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Dracula

Ein Roman ohne Erzähler – nur mit Beweisstücken. Und jedes davon ist datiert.

7,8aus 2.673 Leserbewertungen · 332 Seiten · 12 Verfilmungen

Bram Stoker, 1897. Kein einziger Satz stammt von einem allwissenden Erzähler. Was man bekommt, ist eine Akte: Briefe, Tagebucheinträge, Telegramme, Zeitungsausschnitte und Phonographenwalzen, so geordnet, als hätte jemand sie hinterher zusammengetragen und zur Lektüre übergeben.

Die Erstausgabe von Dracula, 1897: gelber Leineneinband mit rot geprägtem Titel.
Erstausgabe, Mai 1897. Gelbes Leinen, rote Lettern, keine Illustrationen. Reich wurde Stoker mit der Auflage nicht.

Nach Daten lesen, nicht nach Seiten

Der eine Rat, der dieses Buch verändert

Weil jedes Dokument datiert ist, lässt sich der Roman nach dem Kalender lesen: Am 3. Mai schlagen Sie Jonathan Harkers ersten Eintrag auf und lesen dann nur, was „heute“ geschehen ist – bis zum 6. November. Ein halbes Jahr statt drei Abende.

Das klingt nach einem Kunstgriff und ist in Wahrheit eine Rückgewinnung. Die Figuren wissen wochenlang nicht, was den anderen zugestoßen ist. Am Stück gelesen, verliert „Dracula“ genau das: Sie setzen die Briefe in einer Stunde zusammen und wissen mehr als jeder von ihnen. Nach Daten gelesen, warten Sie mit ihnen.

MaiHarker reist nach Transsilvanien und merkt, dass er nicht mehr fort kann
JuliWhitby. Ein Schiff läuft auf Grund, ohne lebende Besatzung
AugustLucy beginnt zu schlafwandeln
SeptemberVan Helsing begreift, womit sie es zu tun haben
Oktoberdie Jagd quer durch halb Europa
Novemberder letzte Eintrag, 6. November

Whitby ist nicht erfunden. Stoker machte dort 1890 Ferien und lieh sich Bücher aus der örtlichen Bibliothek – dort fand er in einer Schrift über die Walachei das Wort Dracula. Fünf Jahre zuvor war in Whitby ein russischer Schoner auf Grund gelaufen, die Dmitry aus Narva. Im Roman heißt sie Demeter und kommt aus Warna.

Woraus es gemacht ist

Sieben Arten von Dokumenten, kein Erzähler

  • Harkers Tagebuchin Kurzschrift, damit der Graf es nicht lesen kann
  • Die Briefe von Mina und Lucydie ganze Spannung der ersten Hälfte steckt in dem, was sie nicht schreiben
  • PhonographenwalzenDr. Seward spricht sein Tagebuch auf; 1897 war das Technik aus der Zukunft
  • Zeitungsausschnittedas Unglück von Whitby und ein Wolf, der aus dem Zoo entkommt
  • Telegrammeimmer zu spät – das ist der Motor der Handlung
  • Das Logbuchder Kapitän der Demeter, Eintrag für Eintrag, bis zum letzten
  • Van Helsings Notizenin einem Englisch, das er nicht beherrscht

Mina tippt alles ab, und erst dann, in die richtige Reihenfolge gebracht, ergeben die Dokumente einen Sinn. Das Buch in Ihren Händen ist diese Abschrift.

Der Film, den ein Gericht vernichten ließ

Nosferatu, 1922

Standbild aus Nosferatu, 1922: Max Schreck als Graf Orlok, kahlköpfig, mit langen Fingern und spitzen Ohren.
Max Schreck als Graf Orlok. Keine Reißzähne, kein Umhang – die kamen erst mit dem Film von 1931.

Die Prana-Film nahm sich den Roman, ohne zu fragen: änderte die Namen, verlegte die Handlung nach Wismar und brachte den Film heraus. Stokers Witwe Florence klagte und gewann. Das Gericht ordnete an, das Negativ und sämtliche Kopien zu vernichten.

Da waren schon Kopien im Ausland. Der Film hat nur überlebt, weil das Urteil schlampig vollstreckt wurde – und heute ist er gemeinfrei, weshalb dieses Standbild auf dieser Seite stehen darf.

7,8Leserwertung
2.673Bewertungen aus zwei Quellen
332Seiten
12Verfilmungen in unseren Daten

Was Leser wirklich fragen

Ist „Dracula“ schwer zu lesen?

Kürzer, als es aussieht – 332 Seiten, und die Form aus Briefen und Tagebüchern teilt den Text von selbst in kurze Abschnitte. Am schwierigsten sind die Passagen von Van Helsing, den Stoker in gebrochenem Englisch schreiben lässt.

Wo fange ich an, wenn ich die Filme kenne?

Hier – denn fast nichts vom Leinwandbild stammt aus dem Buch. Umhang, Reißzähne und aristokratischer Charme sind Erfindungen von Theater und Kino. Der Dracula des Romans ist ein alter Mann mit Schnurrbart, der übel riecht und kopfüber eine Mauer hinabkriecht.

Lohnt es sich, nach Daten zu lesen?

Wenn es Ihr erstes Mal ist und Sie keine Eile haben: ja. Vom 3. Mai bis zum 6. November, Eintrag für Eintrag, an dem Tag, an dem er geschrieben wurde. Wer das Buch einfach kennenlernen will, verliert beim Lesen am Stück nichts außer dem Rhythmus.

Kann ich es kostenlos lesen?

Das englische Original ja – Stoker starb 1912, der Text ist gemeinfrei und liegt bei Project Gutenberg. Übersetzungen sind eine andere Sache: Eine Übersetzung hat ihr eigenes Urheberrecht.

Lesen

Stokers Text ist seit 1912 frei. Eine gute Ausgabe ist es nicht.

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Wie es weitergeht

Sein Platz im Horror-Ranking, alle 12 Verfilmungen und die Bewertungen hinter der Zahl – dazu diese Seite in acht weiteren Sprachen.

Woher die Wertung stammt. 7,8 von 10 – ein gewichteter Durchschnitt offener Leserbewertungen, auf eine gemeinsame Skala gebracht.

Abbildungen. Der Einband der Erstausgabe (1897, British Library Board) und ein Standbild aus Nosferatu (1922, Regie: F. W. Murnau). Gemeinfrei, über Wikimedia Commons.

Text. Bram Stokers Roman ist gemeinfrei. Übersetzungen sind es womöglich nicht – die Rechte der Übersetzer bestehen gesondert.